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    Bezirkskrankenhaus Reutte

    Akademisches Lehrkrankenhaus der Universitäten Innsbruck und Wien. Das moderne Spital vor Ort, Ihr Ansprechpartner in allen Gesundheitsfragen

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Spezialisierung: Fluch oder Segen?


„Es gibt einen chinesischen Fluch, der da lautet: ,Möge er in interessanten Zeiten leben!‘ Ob wir es wollen oder nicht, wir leben in interessanten Zeiten ...“


Aurel Schmiedhofer, Obmann des Gemeindeverbandes BKH Reutte

Diese Einleitung einer Rede von Robert Kennedy 1966 hat immer noch Gültigkeit. Das wichtige Wort in diesem Zitat ist das Wort „Fluch“. Als „interessant“ werden hier Zeiten des Krieges und gewalttätige Veränderungen verstanden, aber auch jede andere Art von Umbrüchen. Diesen Wandel bekamen wir im Gesundheitswesen – speziell was Krankenhäu- ser betrifft – im letzten Jahr beträchtlich zu spüren: Es kamen die Auswirkungen des Krankenanstalten- Arbeitszeitgesetzes zum Tragen, 2016 erfolgte eine Änderung des Gemeinde-Vertragsbedienstetengesetzes – was uns eine einmalige Kostenerhöhung für 2017 aufgrund der Nachzahlungen in Höhe von fast 1 Mio. Euro erbrachte – und es gab wichtige Änderungen in den Ausbildungsverordnungen: Die Ausbildungsordnung für den Beruf der Medizinerin/ des Mediziners wurde zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges grundlegend geändert, ebenso wurde auch die Ausbildung in der Pflege mit drei- jähriger, zweijähriger und und einjähriger Option umgekrempelt. „Interessant“ sind diese Änderungen allemal. Sind sie auch ein „Fluch“? Auf den ersten Blick haben all diese Neuheiten des letzten Jahres eines gemeinsam: Sie sind Motor für höhere Spezialisierung. Die Aufsplittung des Pflegeberufs, die weitere Aufsplittung des medizinischen Berufs, das Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz machen eigentlich nur in großen Einheiten Sinn.


Der Trend zu immer höherer Spezialisierung trifft auf den ersten Blick das BKH Reutte natürlich besonders hart. Aber unser Krankenhaus hatte schon in früheren Zeiten auf ähnliche Anforderungen immer wieder eine passende Antwort. Eine unserer bisherigen Lösungen war z. B. die Kooperation mit anderen Krankenanstalten. Es bestehen beispielsweise Kooperationsverträge mit dem BKH Kufstein, dem LKH Hall, der Universitätsklinik Innsbruck (mehre- re), dem Krankenhaus Füssen und der Fachklinik Enzensberg. Unsere Kooperationen – zuletzt Teleneurologie mit der Univ.-Klinik Innsbruck – stießen zu Beginn immer auf erheblichen Widerstand, besitzen jetzt aber Modellcharakter. Ebenso wurde viel dafür getan, FachärztInnen im Bezirk anzusiedeln. Alle niedergelassenen FachärztInnen im Bezirk kamen auf unsere Initiative hin hierher.


Trotzdem verbleibt für den Träger unseres Krankenhauses, die Gemeinden des Bezirkes, immer noch eine im Verhältnis zum Tiroler Durchschnitt überproportionale finanzielle Belastung. Diese ist vor allem darauf zurückzuführen, dass das BKH Reutte die mit Abstand am intensivsten genutzte Ambulanz in Tirol hat. Die Abgeltung dieser Leistung deckt in den öffentlichen Spitälern Tirols nur ca. 50 % der Kosten.


Aber auch die überproportional hohe Belastung wurde in der Vergangenheit immer wieder durch entsprechende Verhandlungen gemildert. Es bleibt aber eine hohe Belastung der Gemeinden, sodass auch im Krankenhaus entsprechende Veränderungen angedacht werden. So sollen etwa tages- und wochenklinische PatientInnen in separaten Organisationseinheiten betreut werden – diese können dann bei Bedarf in der Nacht oder am Wochenende auch geschlossen werden.


Aber wie können wir weiter agieren, sodass die Veränderungen kein Fluch sind, sondern zum Wohl unseres Hauses beitragen können? Aus meiner Sicht folgt jeder Spezialisierung eine gegenläufige Tendenz. Unser Haus war schon immer sehr gut darin, die Übersicht im Behandlungsprozess zu behalten. Bei uns ist „ganzheitliche Behandlung“ nicht nur ein Schlagwort. Landet eine Patientin/ein Patient in hochspezialisierten Kliniken oft eher zufällig an der richtigen Stelle, so geht das bei uns sehr schnell (Stichwort ZPA), und diese Stärke müssen wir noch weiter ausbauen. Auch sollten wir uns damit abfinden, dass nicht alles immer „interessant“ sein muss. Grundsolide, perfekte Arbeit ist nicht immer interessant, ist in Social-Media-Zeiten nicht unbedingt erwähnenswert, denn damit kann häufig nicht das Interesse von Medien oder im Bekanntenkreis geweckt werden, es ist aber trotzdem eine wichtige Voraussetzung für die gute Qualität eines Krankenhauses.